Ob all der Freude am 100-Jahr-Jubiläum des Vereins Kunstturnen Schaffhausen sei ein Blick darauf erlaubt, mit welch primitiven Mitteln Mitte der Siebzigerjahre Schaffhauser Kunstturner bis in die nationale Spitze erfolgreich waren.

 

Turnhalle DreispitzDas Schaffhauser Kunstturnen fristete in den Siebzigerjahren ein bescheidenes Dasein, die sehr jungen Turner trainierten in vier Hallen, und zum Teil mussten die Geräte jeweils von einer Halle in die andere verlegt werden. Ein erster Versuch von Trainer Gerhard Fuchs, in einer der bestehenden städtischen Turnhallen eine Schnitzelgrube zu installieren, scheiterte am Widerstand der städtischen Behörden. Sie gaben schliesslich die Einwilligung, dass die Kunstturner bei der Turnhalle Emmersberg im Freien (!) eine Schnitzelgrube erstellen durften, die aber im Winter nicht benützt werden konnte.1976 schloss Gerhard Fuchs den zweijährigen NKES-Trainerlehrgang erfolgreich ab. An den Nachwuchswettkämpfen 1977 nahmen 49 Schaffhauser Turner in drei Klassen teil. Urs Meister, der als einer der ersten Schweizer Kunstturner in der Sportschule Magglingen eine Berufslehre (im Halbpensum) absolvierte, gewann an den Kantonalen Meisterschaften, den 12-Kampf am Kantonalturnfest in Thayngen und schlug in einem Vergleichswettkampf in Herbholzheim den deutschen Internationalen Jürgen Geiger.

Eigenes Sportzentrum erhalten
1978 wandte sich die Kunstturnervereinigung an den Stadtrat mit dem Ansinnen, in der alten Sägerei Bürgin in Buchthalen eine Kunstturnerhalle einzurichten. Das Ansinnen wurde auch vom damals im Grossen Stadtrat sitzenden Leichtathletiktrainer Jack Müller unterstützt. Ende März 1979 schlug Baureferent Jörg Aellig den überraschten Kunstturnern vor, auf dem Dreispitzareal in Herblingen ein Sportzentrum im Baurecht gleichzeitig mit einer Dreifachhalle auf der Breite zu erstellen. Am 16. August 1981 sagten die Schaffhauser Stimmberechtigten Ja zur Turn- und Sporthalle Dreispitz und zur Dreifachhalle. Nach zehnmonatiger Bauzeit konnte das erste Training im Dreispitz durchgeführt werden. Die offizielle Einweihung fand am 23./24. April 1983 statt.

Aufstieg zur Hochburg
Gerhard FuchsEs war auch höchste Zeit, waren die Schaffhauser Kunstturner doch schon 1982 sehr erfolgreich und gewannen an den nationalen Meisterschaften in allen sechs Klassen die Goldmedaillen. 30 Turner des Schaffhauser Leistungszentrums besuchten 1983 die Qualifikationsjugendlager, 22 qualifizierten sich für ein nationales Kader, Urs Meister, Martin Schlatter und Urs Steinemann wurden ins Nationalkader berufen. Und 1992 begleitete Trainer Gerhard Fuchs seine beiden Nationalkaderturner Erich Wanner und Oliver Grimm an die Olympischen Spiele in Barcelona. Der Dreispitz wurde Schauplatz zahlreicher auch internationaler Kunstturner-Wettkämpfe, wobei sich die Kunstturnervereinigung je länger, je mehr als gewiefte Organisatorin bestätigte. Sportlich mussten die Turner kleinere Brötchen backen. Mit der Verpflichtung von Sebastian Faust stellten sich auch in der Nachära von Gerhard Fuchs, der sich aus dem Dreispitz völlig zurückgezogen hatte, wieder Erfolge ein. Kutu SH ist wieder auf dem Weg zu alter Stärke mit etlichen vielversprechenden Talenten.

Von Werner Breiter

 

Erich Wanner: oder Wie ein Turnerleben beginnt, eine Karriere daraus wird und sich der Kreis schliesst

Erich Wanner und Turnen, das sind zwei Pole eines Lebens, die eins sind. Der Begginger ist einer, den man als typischen Magnesianer – wie sich die Kunstturner gerne selbst bezeichnen – beschreiben kann. Der zierliche Kraftprotz hat zwar etwas schütteres Haar bekommen, ein Leben abseits der beruflichen Arbeit als Büro- und Bettenmontagefachmann bei einem einhei- mischen Fachbetrieb, aber dennoch zieht es ihn noch immer fast täglich ins Schaffhauser Kunstturnzentrum Dreispitz in Herblingen. Er ist dort zu 30 Prozent als Trainer angestellt und gibt seine Erfahrungen an den Nachwuchs weiter. Der Kreis hat sich, wenn man so will, geschlossen.

Das zweite Zuhause
Welche Bedeutung hat das Turnzentrum Dreispitz für Erich Wanner? «Es ist mein zweites Zuhause», sagt Wanner wie aus der Pistole geschossen. Wenn man weiss, welchen Aufwand die Kunstturner betreiben, kann man hochrechnen, dass einer wie Wanner fast mehr Zeit in Herblingen als zu Hause in Beggingen verbringt. Früher zumindest, als Wanner noch einer der besten Schweizer Kunstturner war, übte er stundenlang an den von Cheftrainer Gerhard Fuchs teilweise selber konstruierten Turngeräten, die – damals ein Novum in der Schweiz – fix installiert in der Sporthalle standen. Jahrelang reiste der heute 43-Jährige rund um die Welt mit dem Schweizerkreuz auf der Brust und vertrat sein Heimatland. In dieser Zeit qualifizierte sich der eher zurückhaltende Begginger für zwei Olympische Spiele (1992 in Barcelona und 1996 in Atlanta). Das sind natürlich jeweils die Höhepunkte in einem Sportlerleben. Ausserdem turnte Wanner an etlichen Welt- und Europameisterschaften, unzähligen Länderkämpfen und vielen nationalen Wettbewerben. Wenn man so will, kann man die sportliche Karriere von Wanner zusammenfassend mit «Er hat alles erlebt, was es für einen Kunstturner zu erleben gibt» zusammenfassen. Dabei verzichtete Wanner auf einiges. Das Leben als Turner verlangt viel Disziplin, fördert aber auch den Charakter und prägt bei jungen Menschen die Persönlichkeit. «Das Turnen ist eine gute Lebensschule», hat Wanner vor vielen Jahren einmal gesagt und sieht das noch heute so. Wie jene vieler anderer Turnkollegen auch, die im Dreispitz sportlich gross wurden, kann man Wanners Laufbahn als typisch bezeichnen. Nachdem er den Turntest in der heimischen Turnriege bestanden hatte, wurde er zum Probetraining ins Turnzentrum Dreispitz eingeladen. Bei der Plauschturnstunde mit Eignungstest überzeugte der zierliche Turner den damaligen Cheftrainer Gerhard Fuchs (siehe oben) ebenfalls. Über die Nachwuchskader und viel Training arbeitete sich das Talent nach oben.

Trainer und Kampfrichter
Erich WannerSeit einigen Jahren gibt Erich Wanner sein Können und seine Erfahrungen an die Generation seiner (Sport-)Enkel weiter und bewertet als Kampfrichter die Vorführungen der Schweizer Turner. Die Schaffhauser Talente aber wissen, dass sie von jemandem ausgebildet werden, der alle Höhen in ihrem Sport erreicht hat und weiss, wovon er spricht. Ein besseres Vorbild können sich diese Talente wohl nicht wünschen. «Ich habe weder eine Trainer- noch eine Kampfrichterkarriere geplant», sagt Wanner dazu, «es hat sich so ergeben.» Neben Erich Wanner sind noch weitere Exspitzenturner (wie Martin Fuchs und Roger Wangler) im Dreispitz in der Ausbildung tätig. Ihnen ist gemein, dass sie ebenfalls zu ihren aktiven Zeiten die Aushängeschilder des Turnzentrums waren. Alle tragen das Siegergen in sich. Vielleicht ist es genau das, was es gebraucht hat, um nach Jahren der Aufbauarbeit nun wieder die jüngsten Erfolge ernten zu können. Die jetzige Generation um Marco Walter, Taha Serhani, Richie Wanner und so weiter knüpft an die spektakulären Erfolge der früheren Turnergenerationen an. Auch Erich Wanner denkt noch lange nicht ans Aufhören. Dazu machen ihm seine Aufgaben zu sehr Spass. Zudem hat er bei Kutu SH familiäre Unterstützung erhalten. Bruder Peter Wanner ist seit 2012 Präsident der Kunstturner.

Von Daniel F. Koch

Die Meilensteine

1913. Am 21. Dezember wird im Restaurant Falken die Kantonale Kunstturnervereinigung Schaffhausen (KKV-SH) gegründet. Gründungsmitglieder: Robert Schmidlin, Leopold Robert, Arnold Meier (alle vom Stadtturnverein Schaffhausen) sowie Jakob Krummenacher (Neuhausen). Beweggrund ist in allererster Linie die Sorge um das Geräteturnen.

1951. Erstmals ein KKV-SH-Turner auf dem Podest an einer nationalen Meisterschaft: Rudolf Nobs, 3. Rang an den Schweizerischen Gerätemeisterschaften (heute SMK).

1968. Gründung des (Jugend-)Trainingszentrums Schaffhausen unter der Obhut des Eidgenössischen Kunstturnerverbandes. Mit der Leitung wird Gerhard Fuchs betraut. Eine neue Epoche in der Vereinigungsgeschichte beginnt. Die KKV ist nicht mehr nur eine Vereinigung von Turninteressierten, sondern auch Ausbildner. Erstmals werden Jugendliche erfasst und systematisch geschult. Die Entwicklung von einer Verei-nigung zu einem Verein (Club) nimmt seinen Anfang. 1969. KKV-SH organisiert erstmals einen offiziellen Länderkampf (Schweiz - Deutschland U 18) in der Emmersberghalle.

1971–2012. Schweizerische Jugend- und Juniorenmeisterschaften. Die KKV-SH-Turner gewinnen 124 Gold-, 103 Silber- und 74 Bronzemedaillen und schreiben des Öftern Schweizer Turngeschichte: 1982 alle Goldmedaillen in den Klassen 1 bis 6 U 18 (Reto Grimm, Andi Peer, Stefan Peer, Oliver Grimm, Martin Schlatter, Urs Steinemann); 1986 alle Goldmedaillen in den Klassen 1 bis 6 U 18 (Thomas Heer, Urs Russenberger, Alexander Werner, Martin Fuchs, Urs Zoller, Erich Wanner), dazu auch alle Silbermedaillen; 1987 zum dritten Mal alle 6 U-18-Titel (Beat Rechsteiner, Thomas Heer, Adrian Hedinger, Alexander Werner, Martin Fuchs, Erich Wanner); 1991 wird Mathias Meier mit 13 Jahren jüngster Schweizer Jugendmeister (LK6) aller Zeiten.

1976. Die erste Schaumstoffschnitzel-Grube der Schweiz wird bei der Turnhalle Emmersberg als Freiluftanlage gebaut.

1980. Mit Urs Meister gewinnt erstmals ein Schaffhauser den Eidgenössischen Kunstturnertag. Im selben Jahr erreicht er mit dem 2. Rang an den Schweizer Meisterschaften (SMK) eine (bisherige) Schaffhauser Bestleistung.

1982. Die KKV-SH organisiert zum ersten Mal einen Final der Schweizer Meisterschaften (SMK) auf Schaffhauser Boden. In der Rhyfallhalle in Neuhausen sind mit Urs Meister und Urs Steinemann erstmals zwei Schaffhauser Finalisten dabei.

1983. Nach rund 10-jährigen Bemühungen kann die Kunstturnhalle Dreispitz in Herblingen eingeweiht werden (Volksabstimmung in der Stadt Schaffhausen 1981).

1983. Mit Urs Meister ist erstmals ein Schaffhauser an Weltmeisterschaften dabei. Mit dem 10. Rang qualifiziert sich die Schweizer Riege für die Olympischen Spiele.

1983–2012. Schweizer Mannschaftsmeisterschaften. Die KKV-SH gewinnt 13 Medaillen (1989 Gold mit Erich Wanner, Oliver Grimm, Urs Zoller, Christian Tinner, Hugo Schmidli, Mathias Meier 1996 Gold mit Erich Wanner, Martin Fuchs, Alexej Grigoriev, Bruno Büchi, Oliver Grimm, Manuel Salvel; Silber: 1986, 1987, 1988, 1990, 1991, 1998, 1999; Bronze: 1983, 1992, 1993, 1994. Besonderes: 1990 zwei SH-Teams im Final der besten 4). Aufstieg in die NLA (seit der Einführung des Ligasystems 1993): 1993 SH 2, 1995 SH 2, 1997 SH 2, 2004 SH 1, 2012 SH 1.

1984. Urs Meister ist der erste Schaffhauser an Olympischen Spielen. Mit dem 5. Rang gelingt den Eidgenossen das beste Teamergebnis der Neuzeit. 1986. An den Junioren-EM in Karlsruhe vertreten mit Erich Wanner und Christian Tinner zwei (von drei) KKV-Magnesianer die Schweizer Farben.

1986. An den U-18-Länderkämpfen Schweiz - Ungarn und Schweiz - Deutschland stehen jeweils vier Turner des Munotkantons (von sechs!) im Schweizer Team (Erich Wanner, Christian Tinner, Oliver Grimm, Stefan Peer).

1988. Zum 75-Jahr-Jubiläum übernimmt die KKV-SH den Final der Schweizer Meisterschaften. Die vier Schaffhauser Kranzgewinner Oliver Grimm, Urs Zoller, Christian Tinner und Erich Wanner begeistert das Publikum ebenso wie die 40 Turner des TZ-SH mit einer eindrücklichen Jubiläumsschau!

1991. Die denkwürdigen Weltmeisterschaften in Indianapolis mit einem hervorragenden Oliver Grimm, bringt den Schweizern die Olympiaqualifikation (zum bisher letzten Mal).

1992. Zwei Schaffhauser an den Olympischen Spielen in Barcelona: Oliver Grimm und Erich Wanner verhelfen der Schweiz zum 11. Rang. Delegationschef und Trainer: Gerhard Fuchs.

1994. Schweiz - China, Frauen und Männer, in der Breitehalle Schaffhausen. Beim Highlight der KKV-Geschichte begeistert auch Erich Wanner, und es wird ein Rekordgewinn registriert.

1995. An den WM in Sabae ist Gerhard Fuchs als Koordinator für das Nationalkader verantwortlich und auch persönlicher Betreuer von Weltmeister Donghua Li. Erich Wanner turnt an neun Geräten (12-Kampf), und die Wertungen liegen nie unter 9 Punkten.

1996. Erich Wanner zum zweiten Mal an Olympischen Spielen und Vize-Schweizer-Meister.

1997. Heim-WM in Lausanne. Martin Fuchs im neu formierten Schweizer Team. Der Dreispitzanbau wird feierlich eingeweiht.

1998. Mit Martin Fuchs wird erstmals ein Schaffhauser Schweizer Meister im Mehrkampf. Im selben Jahr gewinnt er auch die Eidgenössischen Kunstturnertage. Das Double bleibt nur ganz wenigen Kunstturnern des Landes vorenthalten! Am selben Wettkampf gewinnt Dennis Mannhart das P3 und Ronald Mehr das P1. Die Schweizer Mannschaftsmeisterschaften werden von der KKV in der Breitehalle Schaffhausen organisiert (erstmals Frauen und Männer am selben Ort).

1999. WM in Tianjin mit Martin Fuchs an Pferd und Reck.

2001. Martin Fuchs 2. Rang (Reck) am Weltcup in Cottbus.Martin Fuchs 2. Rang an den 1. Schweizer Kunstturnertagen. Samuel Götz gewinnt P2 und Marco Mächler P1.

2003. Martin Fuchs gelingt als «Amateur» an den SM die grosse Überraschung. Zum ersten Mal überhaupt gewinnt er Gold am Reck und zudem auch Gold am Pferd (zum 5. Mal).

2004. An den von der KKV-SH glänzend organisierten Schweizer Juniorenmeisterschaften in der Breitehalle Schaffhausen sahnen die Jüngsten ab (6 Medaillen; Gold: Marco Walter, Team P1, Team P2).

2007. Dennis Mannhart wird an den WM in Stuttgart (zum zweiten Mal) von Schaffhauser Fans unterstützt. Rücktritt von Gerhard Fuchs nach 40-jähriger erfolgreicher Tätigkeit für die KKV-SH.

2012. Marco Walter gewinnt Bronze mit dem Schweizer Team und im Pferdsprung am European Youth Olympic Festival. Medaillen an den Junioren-EM, das gab es für die KKV noch nie. Bronze im Team-Wettkampf für Taha Serhani (Neuzugang des TZ-SH) und Marco Walter sowie Bronze für Walter im Sprung. Rückkehr von Kutu SH in die NLA im Kunstturnern unter Cheftrainer Sebastian Faust mit Marco Walter, Richie Wanner, Viktor Weissenberger, Tim Leitenmair und Taha Serhani. Ein KKV-SH-Trio am U-18-Länderkampf Schweiz - Belgien - Niederlande: Richie Wanner, Marco Walter, Taha Serhani. Peter Wanner neuer Präsident von Kutu SH.

2013. Erste EM-Teilnahme bei der Elite für Marco Walter.

 

 

 

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